Dienstag, 24. April 2012

Henry van de Velde - Möbel, Kunst und feine Nerven

"Hässlich fand der junge belgische Maler Henry van de Velde das bürgerliche Heim seiner Zeit mit seinen dunklen Räumen, schweren Möbeln und sinnlosen Gegenständen, seinen Portieren und Paravents, seinem Plüsch und Nippes."

Als der Antwerpener Architekt und Designer Henry van de Velde (1863-1957) um 1900 nach Berlin und Weimar kommt, ist der 37jährige bereits ein Star: "Nicht nur in der deutschen Hauptstadt, überall, wo man sich im deutschen Kaiserreich nach neuester Mode einrichten wollte, wurden Möbel und ganze Gebäude bei dem exzentrischen Geschmacksdiktator bestellt." Mit den Dandys, Industriellen und Künstlern um Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal kämpft er gegen die bourgeoise Spießigkeit seiner Zeit, ruft die 'Neue Kunst' (Art nouveau) aus und inszeniert sein Leben als ästhetisches Gesamtkunstwerk. Genauso schnell wie der Aufstieg, erfolgt dann der Niedergang: 1914 wird der zuvor als Prophet der Erneuerung gefeierte Belgier in Berlin zum feindlichen Ausländer erklärt und sein Werk als "fremdartig" diffamiert. Van de Velde muss schließlich in die Schweiz fliehen. Geblieben sind  seine zahlreichen und vielfältigen Bauten und Interieurs, die in ganz Deutschland bis heute vom Beginn einer architektonischen Moderne künden. In den zwanziger Jahren setzte Walter Gropius mit dem Bauhaus den von Van de Velde eingeschlagenen Weg fort.

Die Sachbuchautorin und promovierte Architektin Ursula Muscheler widmet Henry van de Velde und seiner Zeit ihren im März beim Berenberg Verlag erschienen Essay "Möbel, Kunst und feine Nerven". Anhand historischer Fotografien, Bauskizzen, Briefe und Tagebücher folgt sie den Spuren seines "Kultus der Schönheit". Das Buch bietet dazu detailreiche Beschreibungen vieler Bauprojekte, vom Haus "Bloemenwerf" bis zu einem Entwurf für ein Nietzsche-Denkmal, und würdigt den Künstler als frühen Modernisten. Neben dem Werk und einem interessanten Bild der Zeit erhält man auch - teils sehr persönliche - Einblicke in das Leben und Denken Van de Veldes.

Die gewohnt bibliophile Ausgabe des Berenberg Verlages, der bereits wenige Jahre nach seiner Gründung "in der ersten Liga" (Cicero) spielt, lässt sich mit etwa 200 Seiten für Verlagsverhältnisse fast schon als dick bezeichnen. Ursula Muschelers erfrischend leicht geschriebener Essay ist sowohl unterhaltsam als auch lehrreich. Selbst für denjenigen, der kein besonderes Interesse an Van de Veldes Interieurs - den "dickbauchigen Barockkommoden" - hat, sondern einfach mehr über den "Streit und die Intrigen, an denen die Weimarer Idylle in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg zerbrach" wissen möchte, wie Martin Mosebach (FAZ, 10.03.2012). Auf der Seite des Verlages findet sich auch eine Leseprobe. mit den ersten Seiten des Buchs.

Thüringen hat anlässlich seines 150. Geburtstags für 2013 das Henry-van-de-Velde-Jahr ausgerufen und wird dem Gründer der Weimarer Kunstgewerbeschule, der die Architektur und das Design der anbrechenden Moderne prägte wie kaum ein zweiter, zahlreiche Veranstaltungen widmen. Weitere Informationen gibt es unter vandevelde2013.de.

Empfehlenswert zum Thema ist auch das Portrait "Eine Begegnung mit Henry van de Velde", das Albert Vigoleis Thelen "zum 90. Geburtstag des Baumeisters" schrieb und das sich auf der Seite von "Muschelhaufen. Jahresschrift für Literatur und Grafik" findet.


Ursula Muscheler
Möbel, Kunst und feine Nerven
200 Seiten · Abbildungen · Halbleinen · fadengeheftet · 164 x 228 mm
Frühjahr 2012
ISBN 978-3-937834-50-4
EUR 25,00

Montag, 16. April 2012

Aus dem Lyrik.Log: Frans Budé - Exit

Zwischen 2003 bis 2005 gab der Lyriker Ron Winkler auf der Seite des 'Online-Feuilletons' satt.org die wöchentliche Gedichtanthologie 'Lyrik.Log' heraus, die 99 Folgen lang jeden Sonntag ein Gedicht inklusive kurzer biographischer Skizze des Autors vorstellte. Obwohl sich Winkler vor allem der jüngeren deutschen Gegenwartslyrik  von Andreas Altmann bis Uljana Wolf widmete, fanden auch einige ausländische Autoren, vor allem aus Osteuropa, ihren Weg in die Sammlung. Nach etwa zwei Jahren wurde der 'Lyrik.Log' dann durch die lateinamerikanische Lyrik des 'Latin.Log' abgelöst, der von Timo Berger und Rick Bolte bis 2009 geführt wurde. Beide "Logs" laden bis heute zum Stöbern und Entdecken ein.

Als einzigen Niederländer - aber dafür immerhin bereits an dritter Stelle im Lyrik.Log - hat Ron Winkler Frans Budé mit "Exit" aufgenommen: 


Exit

Als wir unsichtbar waren
eines Nachts in Trauer und
an uns selber verloren –
die Tür mit Blutdunst beschlagen
der Tod ein Hausflur angefüllt
mit Duft und Hinterhalt
als Feuer und Wind gesammelt waren
rings um unseren abgeschweiften Schrei –
fielen wir in eins zusammen und erzielten
was hängen blieb. Die Schatten –
so eng schloß uns ein das Licht 


Exit
Toen ze ons niet zagen
die nacht bedroefd en
aan onszelf kwijt
de deur met bloed beslagen
de dood een gang vol
geur en hinderlagen toen
vuur en wind zich schaarden
om onze afgedwaalde roep
weken wij af van het bestaande
af van onze roep. Vielen
samen, raakten aan
wat hangen bleef. Schaduw –
zo nauw dreef ons het licht
 


Frans Budé 
geboren 1945, lebt in Maastricht (Niederlande). Von ihm erschienen bei Meulenhoff Amsterdam bisher acht Gedichtbände. Zu den jüngsten gehören Maaltijd (1994), In Remersdaal (1997), Alles gaande (2001) und De trein loopt prachtig binnen (2003). Texte in Übertragung finden sich immer wieder in den horen. Auch in Paricutin (hrsg. von Jürgen Nendza, Alano Verlag Aachen 1993), Schönes Babylon (hrsg. von Gregor Laschen, Dumont Verlag Köln 1999) und a’lpha prisma (hrsg. von Birgit Bodden, Shaker Verlag Aachen 2001) wurden Gedichte von Frans Budé aufgenommen. Die Übersetzung von Exit besorgte Wolfgang Hilbig.*

*Eine größere Sammlung von Frans Budés Gedichten findet sich in dem zum Buchmessenschwerpunkt Niederlande 1993 in der Reihe "Poesie der Nachbarn" erschienen Anthologie "Eine Jacke aus Sand". Auch die Übersetzung Wolfgang Hilbigs stammt aus diesem Band. Bei dem von Winkler angeführten Buch "Schönes Babylon" handelt es sich um eine Zusammenstellung ausgewählter Gedichte aus den ersten "Poesie der Nachbarn"-Bänden.

Sonntag, 15. April 2012

Gedanken zum Gedicht: K. Michel - Het magerebrugwonder

Het magerebrugwonder

De eerste twee boten passeerden vlot
maar de derde was een diep geladen aak
die zo traag naderde dat (cadeau Karin
pasta, room, boontjes, loodgieter bellen)

Plotseling doemt de aak dichtbij op
en zie ik dat hij geheel gevuld is
met water dat in springerige golfjes
uit het donkere ruim over de boorden stroomt

Boven de wachtende mensen
is de moeheid van de werkdag uitgegroeid
tot een bijna zichtbare tros tekstballonnen

Verwikkeld in gedachten en beslommeringen
zien we niet dat uit de aak
al het water van de Amstel opwelt
Incognito drijft de bron van de rivier voorbij

uit: K. Michel: Waterstudies, Meulenhoff: Amsterdam 1999


Das Wunder an der Mager Brücke

Die ersten beiden Boote fuhren rasch hindurch
aber das dritte war ein vollbeladener Lastkahn
der so langsam näherkam, daß (Geschenk Gerda
Pasta, Rahm, Bohnen, Klempner anrufen)

Plötzlich ist der Lastkahn ganz nah
und ich seh, daß er bis zum Rand gefüllt ist
mit Wasser, das in munteren Wellen
aus dem dunklen Frachtraum übers Deck strömt

Über den wartenden Menschen
ist die Müdigkeit vom Arbeitstag angewachsen
zu einer beinahe sichtbaren Sprechblasentraube

In Gedanken und Alltagspflichten verstrickt
sehen wir nicht, daß aus dem Lastkahn
alles Wasser der Amstel entspringt
Incognito treibt die Quelle des Flusses vorüber

Übersetzt von Gregor Seferens


Gedanken zum Gedicht

Die über den Arbeitstag angewachsene Müdigkeit. Noch schnell ein paar Besorgungen machen und dann nach Hause. Das Warten auf das Durchfahren der Schiffe an der hochgezogenen Brücke. Das Eindösen über den Gedanken an die alltäglichen Sorgen und Pflichten.
In diesem Augenblick des Wegdämmerns, der erschöpften Aufmerksamkeit, öffnet sich ein Spalt in der Wahrnehmung, geschieht in einem Augenwinkel etwas ungewöhnlich Wesentliches, das gerade soweit ins Bewusstsein dringt, dass es zu einer vagen Vermutung wird. Der Glauben, dass man beinahe einen Blick in eine zweite, dritte Wirklichkeit hätte erhaschen können.
Dann kippt der Moment und das Gedicht: „wir“ sehen es gar nicht! Keiner kann das Wunder an der Mager Brücke sehen – außer mir, dem Leser dieses Gedichts, der der Suggestion des Dichters folgt, dessen lyrisches Ich das Wunder sieht und nicht sieht. Das Treffen von Autor und Leser im Paradoxon des Gedichts.

K. Michel (1958) schreibt Lyrik, Essays und Erzählungen. 1989 debütierte er mit Ja! Naakt als de stenen. Für sein Werk wurde er mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet. 2010 erschien sein insgesamt achtes Buch, der Gedichtband Bij eb is het eiland groter,  für den er den Awater poëzieprijs erhielt.
Weitere Informationen zu Autor und Werk sowie Gedichte in Original und Übersetzung zum Nachlesen und -hören findet man auf lyrikline (deutsch) und poetry international (englisch).

Mittwoch, 11. April 2012

Bücherfrühjahr 2012 - Niederländische Prosa in deutscher Übersetzung

Das erste Viertel von 2012 ist um. Ein kleiner Überblick über die bis dato in deutscher Übersetzung erschienen niederländischen Romane und Erzählungen...

Ob Gerbrand Bakkers dritter Roman "Der Umweg" (De omweg, Amsterdam 2010) noch besser ist als seine zwei vorherigen, wie Christoph Schröder in der SZ behauptet, möchte ich gar nicht beurteilen. Dafür hängt mein Herz auch zu sehr am Erstling "Oben ist es still" (2008; Boven is het stil, Amsterdam 2006). Auf jeden Fall aber ein großartiges Buch. Und für mich definitiv der Höhepunkt des Bücherfrühjahrs.


Eine Zusammenfassung der wichtigsten Rezensionen zu "Der Umweg" gibt es auf Perlentaucher. Auf der Seite des Leipziger Lokalradios "mephisto" findet sich eines der ersten deutschen Interviews von Bakker zum nachhören (von der Leipziger Buchmesse 2012).
Bereits im Januar erschien sein Kurzprosaband "Komische Vögel. Tiertagebuch" (Erstveröffentlichung im Taschenbuch), auf den ich noch in einem gesonderten Beitrag näher eingehen werde.

Noch keine deutschen Rezensionen gibt es zu Lucette ter Borgs ebenfalls im März erschienenen zweiten Roman "Fallkraut" (Valkruid, 2011); das Doppelporträt zweier Schwestern, die die Liebe zur Musik eint, aber völlig unterschiedliche Lebensentwürfe trennen. Ter Borgs erster Roman "Das Geschenk aus Berlin" (2006; Het cadeau uit Berlijn, Amsterdam 2005) für den sie 2005 immerhin den Academica Debutantenprijs erhielt, ist seinerzeit vom deutschen Feuilleton auch schon sehr zurückhaltend aufgenommen worden. Auf der Webseite des Wallstein Verlages finden sich weitere Informationen zu den Romanen und der Autorin sowie eine kurze Leseprobe aus "Fallkraut". Da die niederländischen Kritiken bisher auch nicht unbedingt zum Lesen anregen, scheinen mir die Bücher Ter Borgs eine verzichtbare Lektüre zu sein. 

Jessica Durlacher dagegen zählt zurecht zu den renommiertesten niederländischen Autorinnen der Gegenwart. In ihrem neuesten Roman "Der Sohn" (De held, Amsterdam 2010) erzählt Durlacher, die zusammen mit ihrem Mann Leon de Winter zu den wenigen Vertretern der gegenwärtigen jüdisch-niederländischen Literatur gehört, die Geschichte der Familie Silverstein in den Niederlanden und den USA, ihre großen und kleinen Tragödien zwischen zweitem Weltkrieg und Afghanistankrieg. Ein geschichtsreicher, spannender und politisch aktueller Roman, Familienpsychogramm und Psychothriller zugleich.
Zwei Romane, die bereits im Herbst 2011 auf Deutsch erschienen, aber erst in den letzten Wochen im deutschen Feuilleton angekommen sind, sind Annelies Verbekes dritter Roman* "Fische retten" und "Tonio" von A. F. Th. van der Heijden. Das "Requiem" für Van der Heijdens 2010 mit 22 Jahren um Leben gekommenen Sohn halten die viele niederländische Rezensenten für den besten niederländischen Roman des vergangenen Jahres. Auf jeden Fall ist er der berührendste.


Im Taschenbuch erschienen "Schiffstagebuch", der aktuelle Band mit Reiseerzählungen von Cees Nooteboom, der sicher nicht zu seinen stärksten gehört, Otto de Kats eindringlicher Roman "Julia" über eine deutsch-niederländische Liebe in Zeiten des Krieges, Marente de Moors schwacher Russen-in-Amsterdam-Roman "Amsterdam und zurück" sowie Arnon Grunbergs "Der Heilige des Unmöglichen".


*warum Verbekes zweiter Roman Reus ("Riese", Breda 2006) nach dem großen Debüterfolg "Schlaf!" nicht übersetzt wurde, kann mir auch niemand erklären.















Mittwoch, 4. April 2012

Ard Posthuma - Der anonyme flämische Matrose

Der Historiker und Geograph Viktor Hantzsch behandelt in seiner 1895 erschienenen Studie "Deutsche Reisende des sechzehnten Jahrhunderts" auch den etwa neunseitigen Augenzeugenbericht eines unbekannten Matrosen, der Vasco da Gama auf seiner zweiten Reise begleitete und 1502/03 "als erster Deutscher" Indien erreichte. "Dieser 'erste Deutsche' war ein Holländer, ein Flame genaugenommen", stellt der Dichter und Übersetzer Ard Posthuma in seinem Essay "Eine Schwalbe namens Jeldican" richtig. Seine Erzählung "verschlug mir den Atem" und führte zu der Entstehung eines "beistricharmen Textes", wie es weiter heißt.
Der von Posthuma verdichtete Reisebericht "Der anonyme flämische Matrose" (De anonyme Vlaamse matroos, vermutlich im Original auf Deutsch geschrieben) erschien in der Schweizerischen Wochenzeitung (1998) und der Zeit (2001) sowie auf Niederländisch in der Literaturzeitschrift Tirade (45/2001).


Der anonyme flämische Matrose

Vasco da Gamas zweite Reise,
Ziel: Ostindien, wo der Pfeffer
wächst und Ingwer, Zimt.
Er, Flanderns rauhe Schale,
war dabei, er schrieb es auf mit
unverstellter Kinderhand.

Im februar dem zwoten 1502
fuhren wir fort aus LISSABON
von da über CANARIA nach KAP
VERDE wo die sonne senkrecht
über unsren köpfen stand dass
nicht ein ding mehr schatten warf
dann: donner hagel blitz KAP
GUTER HOFFNUNG über MOZAMBIK
nach KILOA das wir zerstörten
dann endlich INDIEN in sicht
CAMBAYA GOA CANANOR CALCUN
fremdes gesehen katzen groß
wie unsere füchse deren drüse
unterm schwanz parfum hergibt
und perlenfischer zapfen
in der nase und die blieben
ehrenwort gut eine viertelstunde
unter wasser das essen war
bei uns an bord na ja zum glück
gabs brave christen in GRANOR
die brachten hühner mit
und ein paar schafe später fingen wir
ein schiff aus MEKKA ab randvoll
dukaten hängten männer frauen
kinder an der großrah auf
und schlugen ihnen hände
füße köpfe ab und warfen die
in einen prahm und ließen den
so voller hände füße köpfe
landwärts treiben denn im handel
ist die konkurrenz neuerdings
mörderisch doch wurde auf der
heimfahrt bald die nahrung
knapp und wieder einmal zeigte
GOTT sich uns gefällig und so
fanden wir bald eine INSEL
und schlugen dort 400 leute
tot ende august zeigte sich
der POLARSTERN wieder und
erreichten wir nach weiteren
sechshundert meilen PORTUGAL.

Von Viktor Hantzsch Historiker
zu Leipzig stammt der Nachweis,
unser wackerer Flame sei zwar
etwas ungehobelt aber immerhin
Hut ab als erster Deutscher
mit dabei gewesen

Freitag, 30. März 2012

Poelie, Poef und ihre Schwestern. Niederländische Literatur für Katzenliebhaber

Katzen spielen nicht nur in Sprichwörter und Redewendungen eine wichtige Rolle, sondern auch in der schönen Literatur. Vielen niederländischen Lesern wird zu diesem Thema vermutlich zuerst Annie M. G. Schmidts Minoes (1970) einfallen, in der der schüchterne Lokalredakteur Tibbe mithilfe der in ein Mädchen verwandelten Katze Minusch zum Starreporter und Kämpfer für das Gute aufsteigt. Welches Kind wünschte sich nicht eine Freundin wie das "rothaarige Fräulein" Minusch?
Bereits 1971 auf Deutsch erschienen ("Die geheimnisvolle Minusch") und 2001 verfilmt. 2011 dann ‘Het grote poezenboek’ ("Das große Katzenbuch"), das alle Katzengeschichten der bekanntesten niederländischen Kinderbuchautorin in einem Band versammelt.

"Die Liebe zwischen Mensch und Katze ist die rätselhaftete Art der Liebe, die ich jemals erfahren habe", schreibt Willem Frederik Hermans in seinem erstmals 1984 veröffentlichten Essay De liefde tussen mens en kat ("Die Liebe zwischen Mensch und Katze") und führt gleich noch Multatuli ins Felde: "Je besser ich die Katzen kennenlerne, desto weniger liebe ich die Menschen." (Zwischenfrage: Kann man Katzen 'kennen'?) Patser, Iesje und Cals, Bastiaan und Toetie Dinky Toy - in seinem Haus war immer Platz für eine oder mehrere Katzen und Hermans schrieb regelmäßig über sie.
 2009 trug sein Biograph Willem Otterspeer die Katzenerzählungen des wichtigsten Autors der niederländischen Nachkriegsliteratur zusammen und veröffentlichte sie mit einer ausführlichen Einleitung unter dem Titel De geur van een pasgestoomde deken ("Der Geruch einer frischgereinigten Decke").

Einen Höhepunkt des Katzenliteratur stellt zweifellos Remco Camperts Dagboek van een poes ("Tagebuch einer Katze", 2007) dar, das 2008 in der sehr schönen Ausgabe des Arche Verlages auf Deutsch erschien. Poef (oder "Pöff") erzählt aus der großen, kleinen Welt einer Hauskatze, über ihr Zusammenleben mit "Brille" und "Rock" und die Abenteuer in den Höfen und Gärten des Viertels. Das "Tagebuch" ist nicht nur äußerst amüsant, sondern aufgrund der kurzen Abschnitte und einfachen Sprache gut für Niederländisch-Lernende geeignet. Ich empfehle und verschenke es immer wieder gerne...

Jan Wolkers, Autor des Skandalklassikers "Türkische Früchte", hat in De junival nicht nur ein Erinnerungsbuch an seine Mutter, sondern auch an seine Katze Voske geschrieben. Frans Pointl sammelte seine Katzengeschichten und -gedichte in Poelie de Verschrikkelijke ("Poelie der Schreckliche"). Die besondere Liebe des Autors gilt dabei den Streunern. Ein kleiner Teil der Texte erschien in "Das Huhn, das über die Suppe flog" (Ammann, 1992) auch auf Deutsch.

Aber das 'Urbuch' der niederländischen Katzenliteratur hat Rudy Kousbroek geschrieben: De aaibaarheidsfactor ("Der Streichelbarkeitsfaktor"), im Niederländischen inzwischen ein fester Begriff, gilt vielen als das beste Werk des Autors und umfasst unter anderem einen "Hauskatzentest" (getestet werden z.B. Miauvolumen, Schnurrvermögen, Anschmiegsamkeit, Fleischverbrauch, Milchkonsum, Ausführung und Fabrikationsfehler) sowie die Bauanleitung "Die selbstgebaute Katze" für die ambitionierten Heimwerker unter den Katzenliebhabern.

Nachbemerkung: Leider sind von den aufgeführten Katzenbüchern bisher nur wenige ins Deutsche übersetzt worden, was bei dem Thema (und dem Namen mancher Autoren) doch etwas verwundert. Alle genannten Bücher und Autoren seien aufgrund ihrer literarischen Qualität auch ausdrücklich Lesern ans Herz gelegt, die keine ausgemachten Katzenfans sind ( - sollte es ein solcher Leser bis hierher geschafft haben...).

Montag, 26. März 2012

gedicht²: Karel van de Woestijne - Ik ben de hazel-noot

Karel van de Woestijne (1878-1929), Bruder des Malers Gustav van de Woestijne (1881-1947), zählt zu den bedeutendsten flämischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. Seine Dichtung charakterisierte Van de Woestijne, der sich während eines Philologiestudiums in Gent intensiv mit dem französischen Symbolismus auseinandergesetzt hatte, als "ins Symbolhafte gehobene Autobiographie". Wichtige Themen sind der religiös fundierte innere Kampf zwischen Sinnlichkeit und Reinheit und der Zyklus von Sterben und Widergeburt in der Natur, wobei er die zentralen Motive von Liebe und Tod in schwermütigem Ton umkreist.
Die postume Entdeckung Van de Woestijnes im Deutschland der 30er und 40er Jahre ist den zeitweilig engen Kontakten zwischen flämischen Nationalisten und deutschen Nationalsozialisten geschuldet, die kulturpolitisch zu einer großen Zahl von Übersetzungen von als unbedenklich eingestuften Autoren aus der Literatur des 'kleinen germanischen Brudervolkes' ins Deutsche führten. (Von Van der Woestijne erschienen in dieser Zeit mehrere Bände mit Gedichten und Erzählungen sowie 'Ausgewählte Werke' in drei Teilen.) Ein Umstand, der bis heute die Rezeption vieler als klassisch geltender flämischer Autoren in Deutschland beeinträchtigt.
Ik ben de hazel-noot gehört zu den bekanntesten Versen des Dichters. Stefan Hertmans schrieb in einem Essay über das Gedicht: "Ich kenne kein ergreifenderes Zeugnis der radikalen Einsamkeit eines durch Groll, Reue und quälendes Denken geplagten Menschen als dieses wunderbare Bekenntnisgedicht."
Die auf Deutsch vorliegenden zwei Übersetzungen lohnen eine vergleichende Lektüre. Auf youtube kann man sich dazu das Original von Klaar Leyre vortragen lassen.


IK BEN DE HAZEL-NOOT

Ik ben de hazel-noot. - Een bleke, weke made
bewoont mijn kamer, en die blind is, en die knaagt.
Ik ben die van mijn zaad een duisternis verzade.
En 'k word een leêgt', die klaagt noch vraagt.

'k Verlaat me-zelf; 'k lijd aan me-zelven ijle schade.
Ik ben 't aanhoudend maal, in een gesloten kring,
van ene domme, duldeloze, ondankb're made.
Maar raak' de vinger van een kind me, dat me rade:
hij hoort mijn holte; ik luid; ik zing.

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Ich bin die Haselnuß. - Ein bleicher Wurm, der zehrt,
Bewohnt mein Haus; ein Wurm, der blind ist, und der nagt.
Bin einer, dessen Saat nur dunkle Frucht beschert.
Ein leeres Rund, das weder klagt noch fragt.

Entselbstet mir, bin ich mein eigner Schade.
Nicht endend Mahl ich, in umzirktem Ring,
der duldlos dumpfen, undankbaren Made.
Doch find't ein Kind mich, rührt's an meine Lade:
Es hört mein Holz, ich tön, ich sing!

Übersetzt von Heinz Graef
(aus "Tödlicher Herbst: Gedichte", München: Karl Alber, 1941.)


Ich bin die Haselnuß. Die bleiche, weiche Made
Bewohnt mein Zimmer, sie ist blind und nagt und nagt.
An meinem Kern, im Dunklen, zehrt sie ohne Gnade;
Ich werde Leere, die nicht fragt, nicht klagt.

Aufgebe ich mich selbst, mich frißt ein stiller Schade,
Ich bin das stete Mahl in einem engen Ring
Der dumpfen, grausamen und undankvollen Made.
Doch klopft ein Kind mich an, auf daß es mich errate:
Mein Hohlsein hört's;  ich tön, ich sing.

Übersetzt von Jerome Decroos 
(aus "Niederländische Gedichte aus neun Jahrhunderten. Übersetzt und herausgegeben von Jerome Decroos", Freiburg: Herder, 1960.)



Portraitskizze Karel van der Woestijnes, gezeichnet von seinem Bruder Gustav (1910)