Also, nicht dem Auge allein, sondern auch dem Verstand erscheint
Amsterdam von der Wasserseite in seinem höchsten Glanze. Ich stelle mich
in Gedanken in die Mitte des Hafens, und betrachte links und rechts die
Gruppen von vielen hundert Schiffen aus allen Gegenden von Europa; ich
folge mit einem flüchtigen Blick den Küsten, die sich nach Alkmaar und
Enkhuisen erstrecken und auf der andern Seite hin, den Busen des Texels
bilden. Die Stadt mit ihren Werften, Docken, Lagerhäusern und
Fabrikgebäuden; das Gewühl des fleißigen Bienenschwarmes längs dem
unabsehlichen Ufer, auf den Straßen und den Kanälen; die zauberähnliche
Bewegung so vieler segelnden Schiffe und Boote auf dem Südersee, und der
rastlose Umschwung der Tausende von Windmühlen um mich her – welch ein
unbeschreibliches Leben, welche Gränzenlosigkeit in diesem Anblick!
Handel und Schiffahrt umfassen und benutzen zu ihren Zwecken so manche
Wissenschaft; aber dankbar bieten sie ihr auch wieder Hülfe zu ihrer
Vervollkommnung. Der Eifer der Gewinnsucht schuf die Anfangsgründe der
Mathematik, Mechanik, Physik, Astronomie und Geographie; die Vernunft
bezahlte mit Wucher die Mühe, die man sich um ihre Ausbildung gab; sie
knüpfte ferne Welttheile an einander, führte Nationen zusammen, häufte
die
Produkte aller verschiedenen Zonen – und immerfort vermehrte sich dabei
ihr Reichthum von Begriffen; immer schneller ward ihr Umlauf, immer
schärfer ihre Läuterung. Was von neuen Ideen allenfalls nicht hier zur
Stelle verarbeitet ward, kam doch als roher Stoff in die benachbarten
Länder; dort verwebte man es in die Masse der bereits vorhandenen und
angewandten Kenntnisse, und früher oder später kommt das neue Fabrikat
der Vernunft an die Ufer der Amstel zurück. – Dies ist mir der
Totaleindruck aller dieser unendlich mannigfaltigen, zu Einem Ganzen
vereinigten Gegenstände, die vereinzelt und zergliedert so klein und
unbedeutend erscheinen. Das Ganze freilich bildet und wirkt sich ins
Daseyn aus, ohne daß die Weisesten und Geschäftigsten es sich träumen
ließen; sie sind nur kleine Triebfedern in der Maschine und nur
Stückwerk ist ihre Arbeit. Das Ganze ist nur da für die Phantasie, die
es aus einer gewissen Entfernung unbefangen beobachtet und die größeren
Resultate mit künstlerischer Einheit begabt; die allzu große Nähe des
besonderen Gegenstandes, worauf die Seele jedes Einzelnen, als auf ihren
Zweck, sich concentrirt, verbirgt ihr auch des Ganzen Zusammenhang und
Gestalt.
Georg Forster: Ansichten vom Niederrhein (1792), Kapitel XXV
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen