Montag, 27. Februar 2012

Kleines Handbuch der holländischen Sprache

Ich liebe alte Wörterbücher und Reiseführer. Meine neueste Errungenschaft: "Goldschmidt's Sammlung praktischer Sprachführer für Reisende. Band VI. Deutsch-Holländisch. Kleines Handbuch der holländischen Sprache, verfaßt von Faco H. de Beer" in der 4. Auflage von 1900; Plattendruck von Wilhelm Baensch, Berlin. Auf meinem Exemplar prankt zudem der Aufkleber der "Th. Ebner'schen Buchhandlung" zu Nürnberg (Tel. 5102). Das handliche Bändchen erlebte zwischen 1883 und 1921 insgesamt 8 Auflagen, wobei der Verfasser mal als "Faco H. de Beer" und mal als "Taco Hajo de Beer" angegeben wird.(Warum heißt heute eigentlich niemand mehr so?)

Bereits die Einleitung klingt vielversprechend. Der erste Satz lautet: 
"Die niederländische Sprache heißt in Belgien die vlämische, in Niederland die holländische, sie hat in Belgien einen größeren Reichthum an Deklinations= und Konjugations=Endungen und an älteren Wörtern, in Niederland einen größeren Wortvorrath und richtigeren Satzbau als charakteristische Kennzeichen."
Zum Glück habe ich mich für das Holländische entschieden. Wer braucht schon alte Wörter und zusätzliche, komplizierte grammatikalische Formen!? Der Satzbau im Holländischen ist zwar auch nicht richtig, aber immerhin richtiger als der "vlämische"! Und ein größerer "Wortvorrath" kann ja auch nicht schaden...
Zur Aussprache gibt es folgende Anmerkungen: "niederl. i ist ein dem Belgier, aber zumal dem Deutschen unaussprechlicher Laut (sic!), der nur im Siebenbürgischen Sachsen vorkommt." Die Betonung mehrsilbiger und zusammengesetzter Wörter soll anhand der Wörter vrymetselaar ("Freimaurer") und boetvaardig ("bußfertig") eingeübt werden.

Aber den Höhepunkt eines solches Buches stellt natürlich die "Sammlung der nothwendigsten Wörter" (Deutsch-Holländisch) dar, die etwa die Hälfte der 130 Seiten ausmacht. Neben dem deftig-deutschen gastronomischen Vokabular (Blutwurst, Knödel etc.) und immerhin einigen medizinischen Begriffen für den Notfall (Abführungs- und Brechmittel), widmet sich De Beer ausführlich der Welt der Vögel: Von der Bachstelze (kwikstaart) über die Turbeltaube (tortel-duif) bis zum Schneehuhn (winterhoen) bleibt kein ornithologischer Wunsch unerfüllt. Eine durchaus reizvolle Vorstellung: Man unterhielt sich vor 130 Jahren mit den Holländern vor allem über Vögel - oder hatte mit diesem Sprachführer in der Tasche keine andere Wahl, als ebendas zu tun. Daneben, natürlich, die Religion: von abergläubisch (bijgelovig) bis Wallfahrt (bedevaart) steht dem Preußen ein ebenfalls beträchtlicher Wortvorrath zur Diskussion mit den prostestantischen Brüdern aus den niederen Landen zur Verfügung, in dem auch abstraktere theologische Begriffe (wie z.B. Barmherzigkeit) nicht fehlen. Besonders schön finde ich aber jene Wörter, die die damalige Lebenswelt und Gesellschaftsstruktur abbilden - und die kleine Bildergeschichten in meinem Kopf wachrufen: Lohnkutscher (huurkoetser), Schlafrock (chamberloek), Talglicht (talklicht), Opernglas (binocle), Schnürleib (keurslijf), Tintenfaß (inktkoker), Naturalienkabinet (kabinet van natuurlijke historie). Mijnheer De Beer hat sich stets um eine gehobene Wortwahl bemüht (wohlgemerkt: auch für damalige Gepflogenheiten): so macht er aus der Hose (broek) das "Beinkleid" und aus dem onderhoud die "Beköstigung". Auch wunderbare alte Handwerksberufe gibt es wiederzuentdecken: den Böttcher (schoenmaker, laarzenmaker), den Barbier (barbier), den Bürstenbinder (borstelmaker) oder den Korbmacher (mandemaker). Die Putzhändlerin und die Putzmacherin erschließen sich vielen Deutschen heute vermutlich eher über das Niederländische (modiste, modemaakster) als über die deutsche Übersetzung.

Sprechen Sie Holländisch? Ein wenig. Natürlich gibt es auch eine "Sammlung kleiner Gespräche", die wunderbar anachronistische Titel tragen wie "Auf dem Dampfschiff" (Die See ist heute sehr unruhig. Ich leide fürchterlich.") oder "Mit dem Kutscher" (Ich gebe Ihnen ein gutes Trinkgeld, wenn Sie schneller fahren.). Mit Hilfe unseres Sprachführers kommt man auch im Ausland zu einem ordnungsgemäßen wilhelminischen Bart: Rasieren Sie mich, lassen Sie aber den Backenbart und den Schnurbart stehen; diese sollen nur ein wenig kürzer geschnitten werden. Die besondere Harschheit der Preußen hat De Beer gut antizipiert. Aus dem deutschen Sprechen Sie lauter, wenn Sie wollen, dass ich Sie verstehen soll! macht er das freundlich-neutrale Spreekt u wat harder, anders kan ik u niet verstaan.

Fazit: Ein kleiner Sprachführer, schon auf dem Wege zu unseren heutigen Reisebegleitern, aber noch ohne deren freudlos-effizientes Herunterbeten von Grundwortschatz und Standardsätzen. Entdeckerfreuden und Wortlust garantiert. Es gäbe auch noch vieles darüber zu erzählen, aber wie der gute Faco (oder Taco) Hajo de Beer bereits in einem seiner Beispielsätze zu "Auf der Eisenbahn" sagte:
Nur schade, daß man kaum Zeit
hat, die Gegenstände zu betrach=
ten; sie verschwinden so schnell,
daß sie zu fliegen scheinen.

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