Montag, 12. März 2012

Frank de Crits - Das gestohlene Manuskript

Frank de Crits (*1942) schreibt Gedichte und Liedtexte, übersetzt französischsprachige Dichter aus Belgien ins Niederländische, ist Mitarbeiter der Abteilung "Literatur und Plastische Künste" des belgischen Kultusministeriums und war bis 2010 Organisator der "Brüsseler Mittage für Poesie und Prosa".
Gestolen handschrift publizierte De Crits in einer Ausgabe der Literaturzeitschrift De Brakke Hond mit dem Schwerpunkt "Prosagedichte" (95/2007). Heute liest es sich fast wie ein Kommentar zu Urheberrechtsdebatte und Open Source.


Das gestohlene Manuskript

in einer berüchtigten kneipe wurde sein manuskript gestohlen zwei diebe aus einem fernen land machten sich mit 52 prosagedichten davon er holte vergnügt luft und seufzte kurz erleichtert weil seine arbeit für nichts und diebe war jahrelang hatte er tausend gedichte für nichts geschrieben und endlich hatte er zwei leser gefunden ein paar straßen weiter ließen sich die leser nach diebstahl und flucht auf eine bank fallen und kramten in seiner dichtertasche warfen die wertgegenstände weg und bewahrten die von ihm vollgekritzelten hundert blatt papier sie begannen fieberhaft die buchstaben zu entziffern und eine welt öffnete sich vor ihnen alle register der poetischen prosa waren enthalten alle denkbaren und undenkbaren themen wurden behandelt sie amüsierten sich köstlich und verschlangen seine verse in ihr weit entferntes land geflüchtet baten sie einen leser-dieb alles zu übersetzen und herauszubringen das buch: mort subite sudden death wurde ein enormer erfolg

später als er in dem fernen land am bahnhof ankam auf der durchreise in ein nachbarland wurde er von einer horde mädchen erkannt sie bettelten um ein autogramm für ihr exemplar er hatte aus versehen in das gestohlene manuskript mit bleistift ein selbstporträt gezeichnet


Anmerkung zur Übersetzung: Da das Niederländische einen stärker isolierenden Sprachbau hat als das Deutsche und das Verb zudem manchmal weiter vorne im Satz steht, lassen sich die Sätze in der Übertragung nicht an allen Stellen so gut ineinanderschieben wie im Original (vgl. die letzten drei Zeilen des ersten Absatzes). Meiner Meinung nach tut das dem ganzen aber nur wenig Abbruch.

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