Dienstag, 20. März 2012

"Tanzkür in der Gefängniszelle" - Ein Interview mit der Übersetzerin Ira Wilhelm

Ira Wilhelm (*1962) gehört zu den renommiertesten literarischen Übersetzerinnen aus dem Niederländischen. Zu den von ihr übertragenen Autoren zählen Harry Mulisch, Erwin Mortier, Oscar van den Boogaard und Midas Dekkers. Daneben schreibt sie Essays, gibt Seminare und workshops.
Im Email-Interview mit de buurkamer berichtet sie jetzt von ihrem Werdegang und ihrer Arbeit.


Liebe Ira Wilhelm, wie kamen Sie eigentlich zum Niederländischen? 
 
Mein Vater ist in den fünfziger Jahren als kaum Zwanzigjähriger von Zuhause ausgerissen und hat sich in der Kundenkartei der Etuifabrik meines Großvaters jene Firma ausgesucht, die sich am weitesten von seiner südbadischen Heimat entfernt befand. Diese Firma hatte ihren Sitz auf Curaçao auf den Niederländischen Antillen. Dort lernte er eine karibische Schönheit kennen, usw. usw. Mein Vater und meine Mutter entschieden sich aber dafür, in Deutschland zu leben. Mit uns vier Kindern haben sie zwar Deutsch gesprochen, aber da sie ihre Geheimnisse auf Niederländisch austauschten, lernten wir die Sprache sehr schnell. Sie haben dann das Papiamento, die einheimische Pidgin-Sprache auf den Antillen, als Geheimsprache benutzt, das wir dann leider nicht mehr gelernt haben.


Sie haben dann Komparatistik, Germanistik und Anglistik in München studiert und sich mit der europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Wann haben Sie beschlossen, das Übersetzen niederländischer Gegenwartsliteratur zu Ihrem Beruf zu machen?

Das haben die Umstände beschlossen. In München gab und ich glaube, gibt es immer noch, das Literaturstipendium der Stadt München, das mit 12.000 DM recht üppig ausgestattet war. Nun habe ich nie die Neigung verspürt, freie Literatur zu betreiben, aber es gab auch die Sparte Übersetzung, und beim zweiten Versuch 1994 klappte es bereits, und ich erhielt das Stipendium. In der Jury saß damals Christoph Buchwald, der bei Hanser Lektor war. Er vermittelte mir dann meinen ersten Übersetzungsauftrag. Weil 1993 die Niederlande Themaland bei der Frankfurter Buchmesse gewesen war, wobei die reiche Literatur des Nachbarlandes entdeckt wurde, suchte man damals noch händeringend nach Übersetzern. Und so fing es dann an.


Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag für Sie aus? Wie gehen Sie bei einer Übersetzung vor?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich das Buch nicht ohnehin vorher gelesen habe, dann lese ich das Buch zuerst. Aber nur, wenn ich mich auf das Buch freue. Bei weniger erfreulichen Übersetzungsaufträgen erspare ich mir die Erstlektüre. Zuerst erstelle ich eine Rohfassung, bei der ich mich auf den Inhalt konzentriere. Früher habe ich bei sehr literarischen Büchern gleichzeitig das Original Satz für Satz abgetippt. Dadurch vermeidet man effektvoll, etwas auszulassen oder falsch zu verstehen, aber es geht auf die Gelenke. Nach der Rohfassung folgen zwei bis vier Durchgänge, von den Druck- und Korrekturfahnen mal abgesehen. Bei der fünften und sechsten Lektüre ist man dann schon mal der Verzweiflung nah, vor allem, wenn es sich um Literatur handelt, die man nicht unbedingt zu seiner Lieblingslektüre zählen würde. Da fragt man sich schon mal, mit was man gerade seine doch begrenzte Lebenszeit verbringt.
Ach ja, was den Arbeitsalltag betrifft: Hat man einen Auftrag, ist man immer am Übersetzen, unterbrochen von halben Tagen, die man sich frei nimmt.


Sie unterrichten auch Literarisches Übersetzen. Welche Ratschläge geben Sie Ihren Studenten mit auf den Weg?

Meine Lehrtätigkeit liegt bereits wieder einige Jahre zurück. Gelegentlich gebe ich aber noch workshops. Mir war und ist dabei stets wichtig, ein freies, ungezwungenes und kreatives Verhältnis zum Originaltext einzunehmen, um über den Umweg der Textwirkung dem Original so nahe wie möglich zu kommen. Das birgt Risiken, da man sich unter Umständen sehr von der Wortfolge und dem „Wortlaut“ (das gilt natürlich nur für die beiden sehr ähnlichen Sprachen Deutsch und Niederländisch) entfernen muss. Bei Midas Dekkers Büchern bietet sich das freiere Übersetzungsverfahren an, da sein Stil von Polemiken, Wortspielen, Timing und Pointen bestimmt wird. Nicht immer aber ziehen die Lektoren mit, und dann ist das Ergebnis nichts Einheitliches, sondern eine Aneinanderreihung von beiderseitigen Zugeständnissen und Kompromissen. Ein ähnliches Problem stellt der implizite Rezensent dar. Wer bei den Übersetzungen etwas wagt, gewinnt nicht immer, da der normale Rezensent sich meist für den besseren Übersetzer hält. Oft wird dann dies oder jenes bemängelt, ohne nachzusehen, was denn eigentlich im Original steht. Denn übersetzt man stilistische Ungewöhnlichkeiten im Original mit stilistischen Ungewöhnlichkeiten in der eigenen Sprache, wird das oft für schlecht übersetzt gehalten. Ich habe den Studenten oder workshop-Teilnehmern schon mal den Rat gegeben, einen Thomas-Mann-Text so zu lesen, als ob man eine Übersetzung vor sich hätte, man würde eine ganze Menge ändern wollen, weil man es für schlecht übersetzt hält. Im Original machen aber gerade die minimalen Abweichungen vom stilistischen Mainstream den Reiz aus. Für die Reputation und die Karriere ist es am besten, man übersetzt „unauffällig“, das heißt, man schleift und feilt alles Auffällige und Herausstehende zugunsten einer allgemeinen Leseleichtigkeit ab. Das gefällt den meisten Lektoren so gut wie den Rezensenten, und keiner prüft im Original nach, ob eine stilistische Schwierigkeit, eine sperrige Unreinheit einfach weggelassen oder verwischt wurde.

Die Nähe des Niederländischen zum Deutschen stellt für Übersetzer auch eine Gefahr dar: Oft ist man geneigt „wortwörtlich“ zu übersetzen, wobei dann Wortgebilde und Satzstrukturen entstehen, die grammatikalisch, idiomatisch und syntaktisch vielleicht korrekt sein mögen, die aber kein normaler Muttersprachler jemals so sagen oder schreiben würde. Welche Strategien haben Sie entwickelt um die Schwierigkeit der „feinen Unterschiede“ zu meistern?

Es gibt nur eine Strategie: Aufmerksamkeit. Und das bedeutet, immer wieder lesen und lesen, auch laut. Und sich dabei – das gilt vor allem bei Dialogen – immer wieder abzufragen, ob man das selbst so sagen würde. So achte ich zum Beispiel darauf in Dialogen, das von mir sogenannte „Derrick-Imperfekt“ zu vermeiden. Wird von einer Person ein Geschehen im Rückblick erzählt, dann benutzt dieser im Alltag das Perfekt und nicht das Imperfekt – es sei denn, er spielt eine Rolle in einem schlechten Krimi.


Neben Romanen und Sachbüchern übersetzen Sie auch Lyrik. Dabei haben Sie einmal gesagt: „Der Dichter ist ein Gefängniswärter, der mir (als Übersetzer) in der winzigen Zelle eines Gedichts die Freiheit nimmt.“ Zuletzt haben Sie sogar mit den Gefängniswärtern gemeinsame Sache gemacht und zusammen mit Anneke Brassinga und Ramsey Nasr an den Übersetzungen der jeweiligen Werke gearbeitet. Was war das für eine Erfahrung?

Eine sehr bereichernde und sehr spannende. Lyrik zu übersetzen ist eine enorm anspruchsvolle Konzentrationsübung, die ebenfalls von endlosen Lektüren und Relektüren geprägt ist. Dass dabei die Form eine so große Rolle spielt, kommt dem Spieltrieb entgegen. Es ist, als ob man in dieser winzigen Gefängniszelle eine Tanzkür absolvieren muss.


Welche Übersetzung hat Sie am meisten gefordert? Und welcher Text hat Ihnen am meisten Freude bereitet beim Übersetzen?

Die Gedichte fordern sowieso, bei der Prosa strapazierten mich auf positive Weise das wunderschöne Buch von Hafid Bouazza Paravion und Wessel te Gussinklos De opdracht, das ich ganz übersetzt habe, bei dem aber der Verleger vier Wochen vor Abgabe einen Rückzieher machte.


Welches niederländische Buch sollte man unbedingt gelesen haben? (Ihr Lieblingsbuch?)

Das ist und bleibt Wessel te Gussinklos De opdracht. Es ist ein äußerst intelligentes und hochliterarisches Buch. Eigensinnig und prall. Und dick. Alles Dinge, wofür es einen mutigen Verleger braucht. Ich habe diesen bisher nicht gefunden. Zwar waren alle, die ich fragte, von der Qualität des Buches angetan, aber es traute sich keiner.


Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt übersetzen wollen?

Ich würde sehr sehr gerne Multatulis Max Havelaar neu übersetzen. Und zwar auf Basis des vollständigen Originaltextes. Außerdem ist momentan im Buchhandel keine Übersetzung dieses so wichtigen und humorvollen Werkes erhältlich. Es ist vor allem der feine Humor, der mich dabei reizt.


Vielen Dank für das Interview!



Übersetzungen von Ira Wilhelm (Auswahl)

- Anneke Brassinga: Das klopfende Herz des Textes (Schreibheft 72/2009)
- Oscar van den Boogaard: Julias Herrlichkeit (Fischer, 1997)
- Hafid Bouazza: Paravion (Klett-Cotta, 2005)
- Jan Brokken: Der traurige Champion (Zsolnay, 2002)
- Midas Dekkers: Das Gnu und du. Tierische Geschichten (BTB, 2004)
- Lieve Joris: Mali Blues (Pieper, 1998)
- Erwin Mortier: Belichtungszeit (Suhrkamp, 2007)
- Harry Mulisch: Selbstporträt mit Turban (Hanser, 1995)
- Rascha Peper: Russisch Blau (Luchterhand, 1998)
- Anil Ramdas: Madam Bovary (Kurzschrift 1/1999)
- Jaap Scholten: Morgenstern (Klett-Cotta, 2002)
- Chika Unique: Schwarze Schwestern (Tropen, 2010)  

Eine vollständige Bibliographie der Übersetzungen Ira Wilhelms findet sich auf der Seite des Niederländischen Literaturfonds.

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