Im Email-Interview mit de buurkamer berichtet sie jetzt von ihrem Werdegang und ihrer Arbeit.
Liebe Ira Wilhelm, wie kamen Sie
eigentlich zum Niederländischen?
Mein Vater ist in den fünfziger Jahren als kaum
Zwanzigjähriger von Zuhause ausgerissen und hat sich in der Kundenkartei der
Etuifabrik meines Großvaters jene Firma ausgesucht, die sich am weitesten von
seiner südbadischen Heimat entfernt befand. Diese Firma hatte ihren Sitz auf
Curaçao auf den Niederländischen Antillen. Dort lernte er eine karibische
Schönheit kennen, usw. usw. Mein Vater und meine Mutter entschieden sich aber
dafür, in Deutschland zu leben. Mit uns vier Kindern haben
sie zwar Deutsch gesprochen, aber da sie ihre Geheimnisse auf Niederländisch
austauschten, lernten wir die Sprache sehr schnell. Sie haben dann das
Papiamento, die einheimische Pidgin-Sprache auf den Antillen, als Geheimsprache
benutzt, das wir dann leider nicht mehr gelernt haben.
Sie haben dann
Komparatistik, Germanistik und Anglistik in München studiert und sich mit der
europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Wann haben Sie
beschlossen, das Übersetzen niederländischer Gegenwartsliteratur zu Ihrem Beruf
zu machen?
Das haben die Umstände beschlossen. In München gab und ich
glaube, gibt es immer noch, das Literaturstipendium der Stadt München, das mit
12.000 DM recht üppig ausgestattet war. Nun habe ich nie die Neigung verspürt,
freie Literatur zu betreiben, aber es gab auch die Sparte Übersetzung, und beim
zweiten Versuch 1994 klappte es bereits, und ich erhielt das Stipendium. In der
Jury saß damals Christoph Buchwald, der bei Hanser Lektor war. Er vermittelte
mir dann meinen ersten Übersetzungsauftrag. Weil 1993 die Niederlande Themaland
bei der Frankfurter Buchmesse gewesen war, wobei die reiche Literatur des
Nachbarlandes entdeckt wurde, suchte man damals noch händeringend nach
Übersetzern. Und so fing es dann an.
Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag für Sie aus? Wie gehen Sie bei einer Übersetzung vor?
Das ist unterschiedlich. Wenn ich das Buch nicht ohnehin
vorher gelesen habe, dann lese ich das Buch zuerst. Aber nur, wenn ich mich auf
das Buch freue. Bei weniger erfreulichen Übersetzungsaufträgen erspare ich mir
die Erstlektüre. Zuerst erstelle ich eine Rohfassung, bei der ich mich auf den
Inhalt konzentriere. Früher habe ich bei sehr literarischen Büchern
gleichzeitig das Original Satz für Satz abgetippt. Dadurch vermeidet man
effektvoll, etwas auszulassen oder falsch zu verstehen, aber es geht auf die
Gelenke. Nach der Rohfassung folgen zwei bis vier Durchgänge, von den Druck-
und Korrekturfahnen mal abgesehen. Bei der fünften und sechsten Lektüre ist man
dann schon mal der Verzweiflung nah, vor allem, wenn es sich um Literatur
handelt, die man nicht unbedingt zu seiner Lieblingslektüre zählen würde. Da
fragt man sich schon mal, mit was man gerade seine doch begrenzte Lebenszeit
verbringt.
Ach ja, was
den Arbeitsalltag betrifft: Hat man einen Auftrag, ist man immer am Übersetzen, unterbrochen von halben Tagen, die man
sich frei nimmt.
Sie unterrichten auch Literarisches Übersetzen.
Welche Ratschläge geben Sie Ihren Studenten mit auf den Weg?
Meine Lehrtätigkeit liegt bereits wieder einige Jahre
zurück. Gelegentlich gebe ich aber noch workshops. Mir war und ist dabei stets
wichtig, ein freies, ungezwungenes und kreatives Verhältnis zum Originaltext
einzunehmen, um über den Umweg der Textwirkung dem Original so nahe wie möglich zu kommen. Das birgt Risiken, da man
sich unter Umständen sehr von der Wortfolge und dem „Wortlaut“ (das gilt natürlich
nur für die beiden sehr ähnlichen Sprachen Deutsch und Niederländisch)
entfernen muss. Bei Midas Dekkers Büchern bietet sich das freiere
Übersetzungsverfahren an, da sein Stil von Polemiken, Wortspielen, Timing und
Pointen bestimmt wird. Nicht immer aber ziehen die Lektoren mit, und dann ist
das Ergebnis nichts Einheitliches, sondern eine Aneinanderreihung von
beiderseitigen Zugeständnissen und Kompromissen. Ein ähnliches Problem stellt
der implizite Rezensent dar. Wer bei den Übersetzungen etwas wagt, gewinnt
nicht immer, da der normale Rezensent sich meist für den besseren Übersetzer
hält. Oft wird dann dies oder jenes bemängelt, ohne nachzusehen, was denn
eigentlich im Original steht. Denn übersetzt man stilistische
Ungewöhnlichkeiten im Original mit stilistischen
Ungewöhnlichkeiten in der eigenen Sprache, wird das oft für schlecht übersetzt
gehalten. Ich habe den Studenten oder workshop-Teilnehmern schon mal den Rat
gegeben, einen Thomas-Mann-Text so zu lesen, als ob man eine Übersetzung vor
sich hätte, man würde eine ganze Menge ändern wollen, weil man es für schlecht
übersetzt hält. Im Original machen aber gerade die minimalen Abweichungen vom
stilistischen Mainstream den Reiz aus. Für die Reputation und die Karriere ist
es am besten, man übersetzt „unauffällig“, das heißt, man schleift und feilt
alles Auffällige und Herausstehende zugunsten einer allgemeinen
Leseleichtigkeit ab. Das gefällt den meisten Lektoren so gut wie den
Rezensenten, und keiner prüft im Original nach, ob eine stilistische Schwierigkeit,
eine sperrige Unreinheit einfach weggelassen oder verwischt wurde.
Die Nähe des Niederländischen zum Deutschen stellt für
Übersetzer auch eine Gefahr dar: Oft ist man geneigt „wortwörtlich“ zu
übersetzen, wobei dann Wortgebilde und Satzstrukturen entstehen, die
grammatikalisch, idiomatisch und syntaktisch vielleicht korrekt sein mögen, die
aber kein normaler Muttersprachler jemals so sagen oder schreiben würde. Welche
Strategien haben Sie entwickelt um die Schwierigkeit der „feinen Unterschiede“
zu meistern?
Es gibt nur eine Strategie: Aufmerksamkeit. Und das
bedeutet, immer wieder lesen und lesen, auch laut. Und sich dabei – das gilt
vor allem bei Dialogen – immer wieder abzufragen, ob man das selbst so sagen
würde. So achte ich zum Beispiel darauf in Dialogen, das von mir sogenannte
„Derrick-Imperfekt“ zu vermeiden. Wird von einer Person ein Geschehen im
Rückblick erzählt, dann benutzt dieser im Alltag das Perfekt und nicht das
Imperfekt – es sei denn, er spielt eine Rolle in einem schlechten Krimi.
Neben Romanen und Sachbüchern übersetzen Sie auch Lyrik.
Dabei haben Sie einmal gesagt: „Der Dichter ist ein Gefängniswärter, der mir
(als Übersetzer) in der winzigen Zelle eines Gedichts die Freiheit nimmt.“
Zuletzt haben Sie sogar mit den Gefängniswärtern gemeinsame Sache gemacht und
zusammen mit Anneke Brassinga und Ramsey Nasr an den Übersetzungen der
jeweiligen Werke gearbeitet. Was war das für eine Erfahrung?
Eine sehr bereichernde und sehr spannende. Lyrik zu
übersetzen ist eine enorm anspruchsvolle Konzentrationsübung, die ebenfalls von
endlosen Lektüren und Relektüren geprägt ist. Dass dabei die Form eine so große
Rolle spielt, kommt dem Spieltrieb entgegen. Es ist, als ob man in dieser
winzigen Gefängniszelle eine Tanzkür absolvieren muss.
Welche Übersetzung hat Sie am meisten gefordert? Und
welcher Text hat Ihnen am meisten Freude bereitet beim Übersetzen?
Die Gedichte fordern sowieso, bei der Prosa strapazierten
mich auf positive Weise das wunderschöne Buch von Hafid Bouazza Paravion
und Wessel te Gussinklos De opdracht, das ich ganz übersetzt habe, bei
dem aber der Verleger vier Wochen vor Abgabe einen Rückzieher machte.
Welches niederländische Buch sollte man unbedingt gelesen
haben? (Ihr Lieblingsbuch?)
Das ist und bleibt Wessel te Gussinklos De opdracht.
Es ist ein äußerst intelligentes und hochliterarisches Buch. Eigensinnig und
prall. Und dick. Alles Dinge, wofür es einen mutigen Verleger braucht. Ich habe
diesen bisher nicht gefunden. Zwar waren alle, die ich fragte, von der Qualität
des Buches angetan, aber es traute sich keiner.
Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt übersetzen wollen?
Ich würde sehr sehr gerne Multatulis Max Havelaar neu
übersetzen. Und zwar auf Basis des vollständigen Originaltextes. Außerdem ist
momentan im Buchhandel keine Übersetzung dieses
so wichtigen und humorvollen Werkes erhältlich. Es ist vor allem der feine
Humor, der mich dabei reizt.
Vielen Dank für das Interview!
- Anneke Brassinga: Das klopfende Herz des Textes (Schreibheft 72/2009)
- Oscar van den Boogaard: Julias Herrlichkeit (Fischer, 1997)
- Hafid Bouazza: Paravion (Klett-Cotta, 2005)
- Jan Brokken: Der traurige Champion (Zsolnay, 2002)
- Midas Dekkers: Das Gnu und du. Tierische Geschichten (BTB, 2004)
- Lieve Joris: Mali Blues (Pieper, 1998)
- Erwin Mortier: Belichtungszeit (Suhrkamp, 2007)
- Harry Mulisch: Selbstporträt mit Turban (Hanser, 1995)
- Rascha Peper: Russisch Blau (Luchterhand, 1998)
- Anil Ramdas: Madam Bovary (Kurzschrift 1/1999)
- Jaap Scholten: Morgenstern (Klett-Cotta, 2002)
- Chika Unique: Schwarze Schwestern (Tropen, 2010)
Eine vollständige Bibliographie der Übersetzungen Ira Wilhelms findet sich auf der Seite des Niederländischen Literaturfonds.
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