Als der Antwerpener Architekt und Designer Henry van de Velde (1863-1957) um 1900 nach Berlin und Weimar kommt, ist der 37jährige bereits ein Star: "Nicht nur in der deutschen Hauptstadt, überall, wo man sich im deutschen Kaiserreich nach neuester Mode einrichten wollte, wurden Möbel und ganze Gebäude bei dem exzentrischen Geschmacksdiktator bestellt." Mit den Dandys, Industriellen und Künstlern um Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal kämpft er gegen die bourgeoise Spießigkeit seiner Zeit, ruft die 'Neue Kunst' (Art nouveau) aus und inszeniert sein Leben als ästhetisches Gesamtkunstwerk. Genauso schnell wie der Aufstieg, erfolgt dann der Niedergang: 1914 wird der zuvor als Prophet der Erneuerung gefeierte Belgier in Berlin zum feindlichen Ausländer erklärt und sein Werk als "fremdartig" diffamiert. Van de Velde muss schließlich in die Schweiz fliehen. Geblieben sind seine zahlreichen und vielfältigen Bauten und Interieurs, die in ganz Deutschland bis heute vom Beginn einer architektonischen Moderne künden. In den zwanziger Jahren setzte Walter Gropius mit dem Bauhaus den von Van de Velde eingeschlagenen Weg fort.
Die Sachbuchautorin und promovierte Architektin Ursula Muscheler widmet Henry van de Velde und seiner Zeit ihren im März beim Berenberg Verlag erschienen Essay "Möbel, Kunst und feine Nerven". Anhand historischer Fotografien, Bauskizzen, Briefe und Tagebücher folgt sie den Spuren seines "Kultus der Schönheit". Das Buch bietet dazu detailreiche Beschreibungen vieler Bauprojekte, vom Haus "Bloemenwerf" bis zu einem Entwurf für ein Nietzsche-Denkmal, und würdigt den Künstler als frühen Modernisten. Neben dem Werk und einem interessanten Bild der Zeit erhält man auch - teils sehr persönliche - Einblicke in das Leben und Denken Van de Veldes.
Die gewohnt bibliophile Ausgabe des Berenberg Verlages, der bereits wenige Jahre nach seiner Gründung "in der ersten Liga" (Cicero) spielt, lässt sich mit etwa 200 Seiten für Verlagsverhältnisse fast schon als dick bezeichnen. Ursula Muschelers erfrischend leicht geschriebener Essay ist sowohl unterhaltsam als auch lehrreich. Selbst für denjenigen, der kein besonderes Interesse an Van de Veldes Interieurs - den "dickbauchigen Barockkommoden" - hat, sondern einfach mehr über den "Streit und die Intrigen, an denen die Weimarer Idylle in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg zerbrach" wissen möchte, wie Martin Mosebach (FAZ, 10.03.2012). Auf der Seite des Verlages findet sich auch eine Leseprobe. mit den ersten Seiten des Buchs.
Thüringen hat anlässlich seines 150. Geburtstags für 2013 das Henry-van-de-Velde-Jahr ausgerufen und wird dem Gründer der Weimarer Kunstgewerbeschule, der die Architektur und das Design der anbrechenden Moderne prägte wie kaum ein zweiter, zahlreiche Veranstaltungen widmen. Weitere Informationen gibt es unter vandevelde2013.de.
Empfehlenswert zum Thema ist auch das Portrait "Eine Begegnung mit Henry van de Velde", das Albert Vigoleis Thelen "zum 90. Geburtstag des Baumeisters" schrieb und das sich auf der Seite von "Muschelhaufen. Jahresschrift für Literatur und Grafik" findet.
Ursula Muscheler
Möbel, Kunst und feine Nerven
200 Seiten · Abbildungen · Halbleinen · fadengeheftet · 164 x 228 mm
Frühjahr 2012
ISBN 978-3-937834-50-4
EUR 25,00
Möbel, Kunst und feine Nerven
200 Seiten · Abbildungen · Halbleinen · fadengeheftet · 164 x 228 mm
Frühjahr 2012
ISBN 978-3-937834-50-4
EUR 25,00

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